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Interview mit Senior Associate Simona Geuer zu ihrem Client Secondment in Tokio

Zum Ende des Jahres haben wir ein Interview mit Rechtsanwältin Simona Geuer, Senior Associate bei GRÜTER, zu ihrem Secondment, das sie Anfang des Jahres im International Legal Department einer Mandantin in Tokio/Japan absolviert hat, geführt. Ihre interessanten Erfahrungen können Sie im Folgenden nachlesen:

  1. Wie kam Ihr Secondment zustande?

Es kam sehr überraschend zustande. Fast genau vor einem Jahr stand Andreas Felsch (Anm.: Managing Partner bei GRÜTER), der Partner, an dessen Dezernat ich angebunden bin, in meinem Büro und fragte, wie mir das Mandat, für das ich hauptsächlich tätig bin, gefällt. Noch bevor ich hierauf antworten konnte, fragte er mich, ob ich mir vorstellen könnte, für ein paar Monate ein Client Secondment zu absolvieren und das International Legal Department für den Wirtschaftsraum APAC mit Standort in Tokio zu unterstützen. Hierüber war ich zunächst sehr überrascht. Ein Secondment im Ausland wurde vielen meiner Kollegen, die auch in international agierenden Kanzleien tätig sind, bereits im Bewerbungsgespräch versprochen, hierzu kam es jedoch in den seltensten Fällen.

Überlegen musste ich nicht lange. Ich habe nach kurzer Bedenkzeit am nächsten Morgen zugesagt.

 

  1. Wie haben Sie sich auf Ihr Secondment, insbesondere auf die kulturellen Unterschiede zu Japan vorbereitet?

Nachdem feststand, dass ich schon eineinhalb Monate später meine Arbeit in Japan aufnehmen sollte, haben mir Kollegen und Freunde humorvolle Japan-Ratgeber, wie „Gebrauchsanweisungen für Japan“ oder „Darum spinnen Japaner“ sowie einen „Fettnäpfchenführer Japan“ zu Weihnachten geschenkt. Diese Bücher haben mich in der Tat auf humorvolle Weise auf die kulturellen Unterschiede und die Gepflogenheiten der Japaner vorbereitet. An der einen oder anderen Stelle habe ich im Vorfeld gelacht, während meines Aufenthalts jedoch festgestellt, dass die Autoren der Bücher nicht übertrieben haben.

 

  1. Welche Anekdoten aus den Japan-Ratgebern haben sich bewahrheitet?

Zum Beispiel, dass die Japanische Mütter mit ein bis zwei Kindern auf dem Fahrrad beladen sehr zügig auf den Gehwegen direkt auf einen zu fahren und man als Fußgänger besser ausweichen sollte, weil sie es nicht tun. Dass Japaner niemals „nein“ sagen, was in der Kommunikation mitunter schwierig ist, wenn man die direkte deutsche Art gewohnt ist. Bevor ich nach Japan geflogen bin, habe ich mich noch mit einer in Deutschland lebenden japanischen Bekannten zum japanischen Tee getroffen. Von ihr habe ich auch ein tolles Briefing erhalten, wie ihre Landsleute zu händeln sind. Diese Vorbereitung hat mich sicherlich vor einigen Fettnäpfchen bewahrt. Unmöglich war es jedoch Fettnäpfchen auszulassen. Beruhigend war stets, dass die Japaner gerade uns Westlern einige Fauxpas verzeihen und sie charmant weglächeln.

 

  1. Was war vor Antritt des Secondments organisatorisch zu beachten?

Ich benötigte schnell und innerhalb eines Monats ein Visum. Zur Vereinfachung hat unsere Mandantin mir ein entsprechendes Schreiben zur Verfügung gestellt, das belegt hat, dass meine Arbeitskraft dort dringend benötigt wird. Die Beantragung des Visums verlief hierdurch unkompliziert und zügig, so dass mir das Visum vor meinem Abflug rechtzeitig erteilt werden konnte. Unser Büro hat sich um Dinge wie Krankenversicherung und entsprechende Bescheinigungen, die ich in Japan mitführen musste, gekümmert. Hier im Büro musste ich mich so organisieren, dass ich soweit alle laufenden Mandate entweder abschließen oder gut aufbereitet an Kollegen übergeben konnte, soweit ich sie nicht von Japan aus weiterführen konnte.

 

  1. Wie sah Ihr Arbeitsalltag vor Ort im International Legal Department aus?

Eine Umstellung war, dass wir im International Legal Department vor Ort zwar in einer Ecke für uns, allerdings in einem Großraumbüro gearbeitet haben. Dies war für mich zunächst extrem gewöhnungsbedürftig, da ich hier in Deutschland stets ein eigenes Büro hatte. Da die japanischen Kollegen aber allesamt sehr ruhig und konzentriert arbeiten und auch während sie Telefonate führen, entweder sehr leise sprechen oder sich in einen Besprechungsraum zurückziehen, war es dort fast ruhiger als hier, wenn ich bei geöffneter Bürotüre arbeite. Von den Kollegen wurde ich überaus freundlich aufgenommen. Im Legal Department arbeitet auch ein deutscher Kollege, der vor einiger Zeit als Secondee dort angefangen, alsbald seine Zelte in Deutschland abgebrochen und nunmehr seinen Lebens- und Arbeitsmittelpunkt in Tokio hat. Er kannte meine Situation bestens und hat mir durch den einen oder anderen Ratschlag die Eingewöhnung stark erleichtert. Inhaltlich habe ich überwiegend internationale Commercial Contracts geprüft, Verträge entworfen und rechtliche Fragen mit Deutschlandbezug beantwortet. Darüber hinaus habe ich an einem Compliance-Projekt mitgewirkt.

 

  1. Gegen Ende Ihres Secondments war auch Corona in Japan angekommen. Wie hat sich der berufliche Alltag dadurch verändert?

Die letzten 3 Wochen meines Secondments habe ich in meinem Apartment in Tokio gearbeitet, da das Büro nur noch in dringenden Fällen aufgesucht werden sollte. Wir haben fast täglich Team Calls abgehalten, um die vergangenen und anstehenden To Dos zu klären und uns über die neue außergewöhnliche Situation ausgetauscht.

 

  1. Welche kulturellen berufsbezogenen Besonderheiten sind Ihnen in besonderer Erinnerung geblieben?

Wie schon erwähnt, war es schwierig, als Deutsche damit umzugehen, dass Dein Gegenüber nie „nein“ sagt und man nie sicher sein konnte, ob das, was ich gefragt oder mitgeteilt habe, wirklich verstanden wurde. Die Hierarchien sind sehr streng. Ständig verbeugen sich Leute vor einem oder man sollte sich vor anderen verbeugen, je größer der Hierarchieunterschied desto tiefer fällt die Verbeugung aus. Das war sehr gewöhnungsbedürftig.

 

  1. Liebe Frau Geuer, danke für das Interview. Was ist Ihr Fazit?

Mein Fazit ist, dass ich jedem Kollegen/jeder Kollegin nur raten kann, eine solche Erfahrung nicht verstreichen zu lassen, sollte sich die Möglichkeit hierzu bieten. Bei einem Client Secondment lernt man die Bedürfnisse der Mandanten genauer kennen und kann die neu gewonnen Erkenntnisse zurück im Alltag als Beraterin einbringen. Die fachlichen, kulturellen und zwischenmenschlichen Erfahrungen, die ich in der fremden (Arbeits-)Kultur machen durfte, sind sehr wertvoll und haben einmal mehr meinen Horizont erweitert.

Auch sehe ich mich in der Wahl für GRÜTER als Arbeitgeber bestätigt. Trotz der mittelständischen Größe ist die Kanzlei sehr breit und international aufgestellt. Die Möglichkeit ein Secondment im Ausland zu absolvieren erhalten nicht viele junge Associates.

Darüber hinaus ist Tokio eine beeindruckende Stadt, die kulturell, kulinarisch und in der näheren Umgebung auch landschaftlich sehr viel zu bieten hat. Die Japaner sind sehr gastfreundlich und ich habe mich stets sehr wohl gefühlt. Ich werde bei der nächsten Gelegenheit gerne wieder nach Tokio reisen.

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